Kolumne
In unserer Kolumne lassen wir Personen zu Wort kommen, die sich mit der Lebensqualität und dem Leben allgemein in unserer Stadt auseinandersetzen.
Frauenfeld hat/sucht Grossstadtprobleme
Bild: mcs
Kolumne Nr. 10
(Peter Knüsli hat in den frühen 70er Jahren über hundert Konzerte und einige Schweizer Tourneen für international bekannte Künstler organisiert. In den 80er Jahren hat er einmalig das «Kult(h)urgau» ins Leben gerufen und war später als Partyveranstalter tätig. Er ist seit 30 Jahren eng mit Frauenfeld verbunden.)
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Ein provokativer Titel! - Es geht um Toleranz, genau genommen um Nulltoleranz. Zugegeben, ich gehöre nicht zu jenen, die täglich am Bahnhof Frauenfeld verkehren und auch nur hin und wieder nachts. Bis jetzt habe ich, ausser einigen «übermütigen» Jugendlichen, noch nie Problemszenen gesehen und auch nicht aus meinem Bekanntenkreis davon gehört. Sicher gibt es Menschen, die sich bedroht fühlen, wenn eine Horde junger Menschen an einer Ecke steht und sich mit Machomanieren in Szene setzt. Früher, in meiner Jugendzeit, nannte man sie «Halbstarke», und sie gehörten dem Clan der Rock'n'Roll-Freunde an. Heute fröhnen sie dem HipHop, haben mehr Geld im Sack als wir damals und schickere Klamotten. So eine wilde Horde kann natürlich schon beunruhigen, vor allem wenn man durch sie hindurch muss.
10'000 Personen passieren täglich den Bahnhof Frauenfeld! Im ganzen Dezember 2010 mussten 26 Personen aus dem Wartesaal weggewiesen werden, im Januar 15. Man rechne: Im Dezember frequentierten rund 310'000 Personen das Bahnhofareal 26 davon fielen auf! Das sind 0,008385%. Rechnen wir noch die 45 Fälle von Alkohol- oder Drogenkonsum mit, sieht die Zahl immer noch bescheiden aus: 0,0228975%. Also fielen 99,97711% nicht auf! Statistisch gesehen sind das 100% - also Nullproblem!
Dass es Probleme gibt ist klar, denn es ist wie nach einem Fussball- oder Eishockeyspiel: Die kleine Menge von Auffälligen übertönt die grosse Menge der Anständigen! Plötzlich hat man das Gefühl der Bahnhof sei nicht mehr sicher, weil ein paar Wenige grossen Wind machen. Nur, geht der Schuss mittelfristig nicht hinten raus? Reicht eine Wegweisung oder eine Verzeigung? Mehrheitlich sind es Jugendliche, die auffallen. Wo bleibt da die Jugendarbeit? Wie sieht es im «20gi», in der alten Molki aus? Treffen sich jetzt Jugendliche vermehrt da? Kaum, denn das «20gi» hat dann, wenn Jugendliche das Bedürfnis nach Ausgelassenheit haben, nicht offen und wenn, dann entspricht das Angebot nicht unbedingt dem Bedürfnis der «Bahnhof-» Jugend. Vor Jahresfrist wurde da zum Beispiel eine Partyreihe für ü16-jährige lanciert.
Gemäss meinen jugendlichen Nachbarn, war nach zwei Veranstaltungen Schluss. Warum? Wie wir früher, lassen sich Jugendliche auch heute nicht institutionalisieren oder, nach Elvis Presley, in ein Ghetto pferchen. Früher wie heute will man frei sein: früher an der Thur, heute am Bahnhof!
Die Sache hat noch einen anderen Haken: «Anwohner ärgern sich über Besoffene beim Marktplatz» stand unlängst in der Zeitung. Die jüngere Geschichte lehrt uns: Wird eine Szene aufgelöst, bildet sich anderswo eine grössere oder vielerorts viele kleine! Die Vertriebenen vom Bahnhof suchen sich andere Gelegenheiten für ihre Feste und da bietet sich der Marktplatz mit Burstelpark geradezu an. Es ist nicht die «Event-Dichte», wie Eveline Buff anfügt, sondern es ist die vertriebene Szene, die Szene, die sich nicht einpferchen lässt. Von «Event-Dichte» als Ursache der Besoffenen am Marktplatz kann keine Rede sein, denn der Weg etwa vom «Kaff» zum Marktplatz ist viel zu weit, wenn man zum Beispiel mal dringend für kleine Buben muss und die Helvetia Bar bietet sich mit seiner «Event-Dichte» auch nicht für einen Abstecher auf den Marktplatz an.
Die Festhalle Rüegerholz, zuletzt im Dezember 2010 von Jugendlichen stark besucht, kann es auch nicht sein, denn das Problem muss permanent bestehen. Andere Möglichkeiten für eine zu grosse «Event-Dichte», nach Frau Buff, kann ich nicht ausmachen.
Vielleicht sollten wir einfach toleranter sein und weniger Vorschriften machen! Sicherlich sind Lärmende ärgerlich, vor allem wenn man nachts schlafen will, aber wo sollen sie für ihr kleines Fest hin? Der Bahnhof ist passé, der Lindenpark wird überwacht, die Thur ist «out» und das «20gi» für viele zu wenig «in»! Die Jahreszeit wird wärmer, und ich weiss, was uns in Frauenfeld blühen wird: Die vielen kleinen «Jugendhäuser» alias Bushäuschen werden's richten! Es hat schon begonnen - gerade nebenan! Wir kennen jetzt alle HipHop-Hits der letzten Jahre und sehen am nächsten Tag vereinzelt, welches Bier bei den ü16 geliebt wird (das billigste). Es sind nicht die Jugendlichen aus dem Quartier, sondern jene von weiter weg. Wird die Szene zu übermütig, hilft nur noch eines: Wir führen die Sperrstunde ein! Ab 22:00 Uhr ist befohlene Nachtruhe für alle!
Unserer Population würde es gut tun, der AHV auch und schliesslich hätten wir die Probleme auf einen Schlag gelöst, wenn auch auf ungeliebte Art und Weise. Es wäre keine Securitas am Bahnhof mehr nötig und 0.022% würden nicht mehr ärgern! Nur: Bald hätten wir Zustände wie in Libyen, weil sich alle bevormundet fühlen und rebellieren würden. Punkt!
Machen wir es doch einfacher: Auch Jugendliche sind Menschen, sprechen wir mit ihnen, weisen wir sie auf unser nächtliches Dilemma hin. Nicht von oben herab oder in ärgerlichem Ton, sondern von (fast) Erwachsenen zu Erwachsenen. Wenn Sie mehr Mut haben, bieten Sie den Festenden etwas an und trinken Sie ein Mineralwasser mit, holen Sie die Paprikachips aus dem Vorrat und teilen Sie sie gerecht auf. Sie werden die/der coolste Frauenfelderin/ Frauenfelder auf dem Planet Erde sein und man wird es Ihnen danken. Wenn Sie dann noch anfügen, dass Sie jetzt eigentlich gerne wieder nach Hause gehen und schlafen würden, wird man Ihnen nicht grollen und zum Dank auch noch den Platz von Chipsresten und leeren Bierdosen reinigen. Also: Nullproblem - oder sehen Sie noch eines?
Peter Knüsli
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